Interview in "Hundehauptstadt Berlin"

Buch erscheint im Smiling Berlin Verlag im Sommer 2013

 

Liebe Karolin, Du und Mika kamt vor acht Jahren nach Berlin und habt den Beschluss gefasst, Euch als Therapie-Hund und -Hundeführerin ausbilden zu lassen. Wie kam es dazu?

 

Ich wollte eine sinnvolle Beschäftigung für meinen Hund, die über tägliche Runden im Park hinausführt. Beim Tag der offenen Tür im Tierheim sind wir auf den Verein „Hunde im Sozialdienst e.V.“ gestoßen. Die ehrenamtlichen Mitglieder dieses Vereins besuchen mit ihren Hunden Alten- und Behindertenheime, Kindergärten usw. Das fand ich sehr spannend. Ich hatte gerade mein Psychologie-Studium angefangen und wusste aus eigener Erfahrung, wie sehr sich das „Zusammensein“ mit einem Hund auf das Wohlbefinden auswirken kann. Das wollte ich gern mehr Menschen zugänglich machen.

 

 

Vier Jahre lang habt ihr eine Demenzstation eines Altenheimes besucht und Du hast auch Deine praktischen Erfahrungen in Deiner Diplomarbeit in einen theoretisch-wissenschaftlichen Kontext gestellt. Was hast Du herausgefunden?

 

Ich habe in einem Altenheim, in dem seit 10 Jahren ein regelmäßiger Hundebesuchs-Dienst stattfand, umfangreiche Interviews mit nahezu allen Beteiligten geführt. Es zeigte sich u.a., dass der „Hundebesuch“ verschiedenste Formen nicht-medikamentöser Intervention bei Demenz verbindet: Der Hund weckt positive Gefühle und verschollen geglaubte Erinnerungen: „Ich hatte auch mal einen Hund! …und eine Katze! Ja, ich hab auf einem Bauernhof gelebt!“ (Biografiearbeit). Antriebsgeminderte Demenzkranke werden durch den Hund aktiviert, zeigen Initiative und Spaß an Bewegung und Spiel (Ergotherapie). Das Fell ist warm & weich: Die Hand die streichelt, wird auch selber gestreichelt (sensorische Verfahren). Und nicht zuletzt wirkt der Hund auch als „Brücke“ zwischen den Bewohnern untereinander und auch zum Personal, indem er ein gemeinsames soziales Erleben ermöglicht und Gesprächsstoff schafft. 

 


Was war ein besonders bewegendes Erlebnis??

 

Es war immer sehr bewegend zu erleben, wieviel Freude wir in das Altenheim bringen konnten. Besonders in Erinnerung ist mir eine ältere Dame, die nach Aussage der Pfleger nur noch vollkommen in sich versunken in ihrem Rollstuhl saß, mit niemandem redete und nicht mehr am Leben teilnahm. Als mein Hund und ich aber die Station betraten, hob sie den Kopf, ihre Augen strahlten und sie begann zu erzählen, zum allerersten Mal seit sie dort war – von ihrem Hund, von damals. Das war für alle unglaublich.

 

 

Seit 2 Jahren arbeitest Du nun mit Mika, inzwischen als Diplompsychologin, mit "verhaltenskreativen“, autistischen, geistig behinderten oder Kindern mit AD(H)S in der Eingliederungshilfe. Wie unterscheidet sich dort Deine Arbeit im Vergleich zum Altenheim? 

 

Auch in der Arbeit mit Kindern verbreitet Mika Freude und wirkt motivierend. Allerdings geht es natürlich weniger darum, verschüttete Erinnerungen zu wecken. Im Allgemeinen motiviert der Hund, sich Aufgaben zu stellen, Neues zu lernen und zu üben und das auf eine sehr spielerische und für das Kind spannende WeiseFür ein motorisch eingeschränktes Kind kann es eine schwierige Aufgabe sein, einen Ball zu werfen – wenn Mika aber erwartungsvoll mit großen Augen darum bettelt, ist die Motivation groß, es zu versuchen. In der Gruppe vermittelt er den Kindern soziale Kompetenzen, denn für manche Tricks, die er kann (z.B. durch einen Reifen springen), müssen sie zusammenarbeiten, sich absprechen und Kompromisse finden. Es stärkt das Selbstvertrauen, wenn ein schwieriges Kunststück, z.B. eine Seitwärtsrolle des Hundes, endlich klappt. Dafür braucht es Worte und zeitgleich ein passendes Handzeichen – also Konzentration, Koordination und manchmal auch einiges an Mut.

 


Wie kann Mika helfen?

 

Der Hund überfordert nicht mit Worten und stellt keine zu hohen Ansprüche. Seine Kommunikation findet auf der emotionalen Ebene statt, sie ist nonverbal, eindeutig und immer ehrlich. Seine Zuwendung ist echt, kein „Job“. Wenn er mit den Kindern spielen will, will er wirklich spielen, ohne Hintergedanken, dabei dies oder jenes zu üben (die hab ich).  Wenn er mit alten Menschen kuschelt, dann weil er die Berührung genauso genießt wie sie und nicht weil er an sensorische Demenz-Interventionsverfahren denkt. Ich denke, diese Authentizität ist es, die, verbunden mit der ungeheuren Lebensfreude auf vier Beinen, Türen öffnet, motiviert, stärkt und glücklich macht – zusammen mit der lenkenden Hand eines Therapeuten können Hunde in der Therapie sehr viel bewirken, davon bin ich überzeugt.